Montag, 20. April 2020

Fabrics of Memory/ Gropiusbau



In Lee Mingweis´s Ausstellung "Fabric of Memory" im Gropiusbau werden Textilien mit einer besonderen Geschichte vorgestellt. Auch meine Mütze.

Mütze


Katja wohnte ein paar Häuser weiter. Sie war nur ein Jahr jünger als ich und starb viele Jahre vor mir. Wir trafen uns zum Sport, an trägen Sonntagnachmittagen guckten wir zusammen mit unseren Geschwistern fern, in den Ferien war sie die nächste Freundin: rüberlaufen, spielen, ganz einfach. Als ich schon lange nicht mehr da wohnte, erkrankte sie an Leukämie. Mir wurde später berichtet, dass sie alles tapfer durchstand und dass es ein Infekt war, der ihr kurz vor der letzten Behandlung die Lebenskraft raubte. Ich wohnte damals in Japan, weit entfernt, alle Nachrichten erreichten mich wie ein Echo, verspätet, und der Nachhall war so stark, dass ich nicht wusste, was ich zurückrufen sollte.



Ich weiß nicht, wie viele Jahre seit Katjas Tod vergangen sind. Zwanzig? Schon? Neulich besuchte ich meine Mutter. Sie war umgezogen, hatte ihren Keller ausgemistet. Dort fand sie ein altes Strickmuster, das Katjas Mutter ihr vor Jahren, beim Ausmisten ihres Kellers geschenkt hatte: Katja hatte daran während ihrer Chemo-Therapie gearbeitet, Vögel, Blumen so groß wie Bäume, viel Luft. Was tut man mit einer Handarbeit, in der jede Masche mit einer Hoffnung verbunden ist? Meine Mutter nähte daraus eine Mütze. Diesen Winter führe ich sie spazieren. Etwas enorm Positives geht von ihr aus, auch wenn sie mir meistens über die Augen rutscht. Katjas gute Wünsche halten mich warm.



Nachzusehen hier auf der wunderbar aufgearbeiteten Seite des Gropiusbaus. 

Werk

Radikale Natur/Podcast/ Corona in Seoul

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